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RTL-Interview: „Das miese Geschäft mit Google-Bewertungen“

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Zusammenschnitt der Interview-Passagen mit Rechtsanwalt Jan Meyer aus dem RTL-Beitrag „Das miese Geschäft mit Google-Bewertungen“ · 13. September 2025 · Ganzer Beitrag bei rtl.de

RTL berichtet, wie Unternehmen mit dubiosen Praktiken von Löschfirmen geschädigt werden: Betroffene erhalten anonyme negative Bewertungen – und kurz darauf Kaltakquise-Anrufe und Produktflyer, die ausgerechnet das Löschen dieser frischen Bewertungen anbieten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Im Interview erklärt Rechtsanwalt Jan Meyer, wie man sich vor solchen Anbietern schützt und welche Rechte Arbeitgeber und Unternehmer gegen rechtswidrige Bewertungen tatsächlich haben.

Transkript des RTL-Beitrags lesen

Transkript des RTL-Beitrags „Das miese Geschäft mit Google-Bewertungen“ (RTL, 13.09.2025), erstellt aus dem Originalton. Quelle: rtl.de.

Tobias Deckert, RTL-Reporter: Gut bewertet kommt gut an. Dass da mal die ein oder andere Fake-Bewertung nach oben oder unten dabei sein kann, wissen wir mittlerweile und nehmen es in Kauf. Was mir aber so nicht klar war: Auch das Löschen von Bewertungen ist inzwischen ein Riesengeschäft – und klingt manchmal richtig nach Erpressung.

Tobias Deckert: Der Kfz-Meister, den ich jetzt treffe, hat plötzlich eine negative Bewertung bekommen – von jemandem, der überhaupt gar nicht sein Kunde war. Und dann meldeten sich dubiose Firmen, die diesen Eintrag löschen wollten, gegen Geld. Was steckt dahinter?

Tobias Deckert: Ich bin bei Michael Dittmar in der Autowerkstatt. Er zeigt mir direkt die Ein-Sterne-Bewertung, die ihn stutzig machte – die erste in einer ganzen Reihe. Ein Pawel L. beschwert sich, dass sein Luftfilter nicht gewechselt wurde.

Michael Dittmar: Dann schreibt er hier: „Erst als ich das Büro verlassen habe, fiel mir auf, dass die Zusatzarbeiten gar nicht durchgeführt waren.“

Tobias Deckert: Doch der Kfz-Meister versichert mir: Pawel L. oder jemanden mit so einem Fall kennt er nicht.

Michael Dittmar: Hier passt gar nichts. Irgendwie hat hier einer einen langen Text geschrieben, aber der war nicht bei uns.

Tobias Deckert: Der war nie Kunde bei euch?

Michael Dittmar: Der war nie Kunde bei uns. Oder er schreibt für jemand anders – aber ich kann den Vorgang überhaupt nicht nachvollziehen.

Tobias Deckert: Und von solchen Bewertungen kommen noch weitere, jeweils nur ein Stern. Das wirft ein schlechtes Bild auf die davor sehr gut bewertete Werkstatt.

Michael Dittmar: Wenn da einer Kritik hinschreibt, die nicht stimmt – das kratzt ja schon an uns. Da schimpft einer oder meckert einer über uns, und wir haben gar nichts verkehrt gemacht.

Tobias Deckert: Jetzt könnte man vielleicht denken: Da kann jemand mit Kritik nicht umgehen. Doch dann zeigt mir Michael Dittmar, was er kurz darauf im Briefkasten hatte.

Michael Dittmar: Jetzt kommt's richtig dicke hier!

Tobias Deckert: Da ist ja wieder unser Pawel L.

Michael Dittmar: Da ist er wieder – da kommt er wieder um die Ecke.

Tobias Deckert: Da hat sich jemand Mühe gegeben. Auf diesem Schreiben ist nicht nur die Bewertung von Pawel L. abgedruckt, sondern auch alle sonstigen Ein-Sterne-Bewertungen, die Michael Dittmar je erhalten hat. Das Angebot: Für 69 Euro pro Stück können die Negativ-Bewertungen wieder entfernt werden.

Michael Dittmar: Der erste Gedanke, den man kriegt, ist natürlich: Die haben die Bewertungen geschrieben und schreiben mich dann nach kurzer Zeit an und sagen, wir machen sie wieder weg. Wenn man jetzt schlecht denkt, könnte man meinen, da hat einer ein Geschäftsmodell entdeckt: Ich bewerte mal die Leute schlecht, und anschließend biete ich denen an, die Bewertungen wegzumachen.

Tobias Deckert: Zudem sei er angerufen worden, angeblich von verschiedenen Firmen.

Michael Dittmar: Anrufe kriege ich zuhauf, regelmäßig: „Wir haben gesehen, auf Ihrer Seite haben Sie negative Bewertungen. Sollen wir Ihnen die wegmachen? Haben Sie Interesse? Sie wollen doch gut dastehen.“

Tobias Deckert: Hier geht es ja wirklich darum, die Bewertung zu manipulieren – und Sie gleichzeitig unter Druck zu setzen.

Michael Dittmar: Ja, genau, darum geht es. Man fühlt sich teilweise erpresst.

Tobias Deckert: Ich werde mir diese Firmen noch genauer ansehen. Zunächst will ich aber wissen, wie groß die Dimension ist. Ich finde auch von Usern viele Beschwerden – ihre negativen Bewertungen seien einfach gelöscht worden. Allein für Restaurants finde ich bei Google und auch bei anderen Bewertungsplattformen ganz viele Beispiele: „Das Essen war nicht gut – wenn man das schreibt, werden die Bewertungen gelöscht.“ Es verschwinden nicht nur Ein-Sterne-Bewertungen, sondern auch drei bis vier Sterne. „Restaurant versucht, Rezensionen mit weniger Sternen wegen Diffamierung löschen zu lassen – selbst wenn diese freundlich formuliert und faktenbasiert sind.“

Tobias Deckert: Doch wie kann das sein? Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Anbietern, die sich darauf spezialisiert haben, Google-Sterne zu entfernen. Einer ist Norbert Weber. Er ist schon mit Fake-Bewertungen bei Amazon aufgefallen, wurde verklagt und verurteilt. Tatsächlich ist er bereit, mit mir zu sprechen – und verteidigt sein Geschäftsmodell.

Tobias Deckert: Was denken Sie bei Menschen, die negative Bewertungen reinstellen?

Norbert Weber: Es ist nicht der Gutmensch, der uns da alle warnt, sondern eine frustrierte Person, die einfach zu feige war, den Mund vor Ort aufzumachen.

Tobias Deckert: Deswegen sei es wichtig, schlechte Sterne zu entfernen. Er verkauft auf seiner Homepage auch positive Bewertungen oder Likes. Geben echte User Likes ab? Nein.

Tobias Deckert: Man kann auch sagen, dass der Kunde dadurch getäuscht wird.

Norbert Weber: Ich glaube, das ist es nicht. Dadurch, dass der Kunde vor negativen Bewertungen geschützt wird, die falsch sind oder oftmals falsch sind, wird er nicht getäuscht, sondern richtig informiert. Ich glaube, das ist eine Aufgabe, die wir in Deutschland brauchen.

Tobias Deckert: Verfälscht das nicht das Ergebnis? Es gibt ja auch wirklich Kunden, die in einem Restaurant waren und sich die Kritik nicht ausdenken.

Norbert Weber: Kann sein, aber das ist ja nicht meine Rolle, das zu beurteilen. Wir bieten den Service an, der das Augenmerk auf die 95, 96, 97 Prozent legt, die gut sind – und nicht auf die drei Prozent, die schieflaufen.

Tobias Deckert: Eine, sagen wir, sehr eigenwillige Sichtweise, wie ich finde. Seine Firma meldet Google die Bewertungen, die entfernt werden sollen. Das kann im Übrigen jeder. In einem Formular muss es eine Begründung geben, zum Beispiel wegen vulgärer Sprache.

Tobias Deckert: Rechtsanwalt Jan Meyer bietet selbst an, schlechte Bewertungen juristisch zu prüfen und gegebenenfalls löschen zu lassen. Dubiose Löschfirmen dagegen würden versuchen, eine bestimmte EU-Verordnung auszunutzen – den Digital Services Act.

Rechtsanwalt Jan Meyer: Der führt auch dazu, dass die Portale erst mal in der Pflicht sind, einen rechtswidrig gemeldeten Content offline zu nehmen. Und das ist mit Sicherheit der Grund, weswegen so flächendeckend viele – die ein gewisser Ehrenkodex nicht interessiert, sich also nicht daran halten, eine echte Kritik stehen zu lassen – einfach sagen: Ist uns völlig egal, für Geld löschen wir die alle weg.

Tobias Deckert: Ist Google bewusst, dass auch offenbar ehrliche Bewertungen verschwinden? Wir bitten um Stellungnahme. Google antwortet uns nur ausweichend: „Unsere Richtlinien besagen eindeutig, dass Rezensionen auf echten Erfahrungen beruhen müssen – weshalb wir umgehend gegen böswillige Akteure vorgehen.“

Tobias Deckert: Jan Meyer erklärt mir im Übrigen, dass seiner Erfahrung nach bei anderen Seiten wie Booking.com oder Amazon weniger gelöscht wird.

Rechtsanwalt Jan Meyer: Bei anderen Bewertungsportalen ist es so, dass häufig eine Kunden- oder Gast-Eigenschaft schon vom Portal vorher geprüft wurde. Und dann zieht das Argument, dass die Bewertung fake sei, zum Beispiel gar nicht.

Tobias Deckert: Zurück zu Michael Dittmar. Der Kfz-Meister wird nicht nur selbst bewertet, auch er gibt Bewertungen ab. Und auch er habe schon die Erfahrung gemacht, dass seine echte Bewertung gelöscht worden sei.

Michael Dittmar: Ich habe ein Restaurant bewertet, wo es nicht so rund gelaufen ist. Und da ist die Bewertung nach einiger Zeit wieder rausgenommen worden von Google. Google schreibt hier, ich zitiere: „Google hat eine Beschwerde über die nachfolgende URL aus folgenden rechtlichen Gründen erhalten.“ Diffamierung.

Tobias Deckert: Diffamierung. Vor allen Dingen ging es Ihnen ja darum, dass der Betreiber etwas aus der Kritik macht, sich verbessert.

Michael Dittmar: Ja. Also das ist für mich absolut Zensur hier, weil ich auch die Wahrheit geschrieben habe.

Tobias Deckert: Google will uns nicht begründen, was an seiner Anzeige diffamierend ist. Vielleicht sagt es mir das Restaurant selbst – auffällig viele positive Bewertungen. Und hier ein Kommentar, versteckt in einer Fünf-Sterne-Bewertung. Man denkt, das ist gut, aber hier steht: „Kritische Bewertungen werden zensiert. Wenn man keinen Wert legt auf Preis-Leistung, kann man ruhig hierherkommen.“

Tobias Deckert: Wir drehen mit versteckter Kamera. Ich spreche die Kellnerin aufs Löschen an.

Angestellte: Also ich weiß es selber nicht so genau, ich bin ganz neu. Unser Team hat sich sehr reduziert. Davor war das Team nicht ganz so zufriedenstellend, deswegen sind die am Neuaufbauen.

Tobias Deckert: Ich frage, ob deshalb die Bewertungen gelöscht wurden.

Angestellte: Also ich weiß es nicht genau, ob es gelöscht wurde. Aber jetzt kommt hier ein neuer Wind rein.

Tobias Deckert: Der Geschäftsführer wollte uns zum Thema Löschen leider nichts sagen. Aber mein Eindruck: Die Bedienung war nett, das Essen war gut. Ich glaube, die gehen jetzt hier einen neuen Weg.

Tobias Deckert: Massenhaftes Löschen und lukrative Geschäfte damit. Michael Dittmar hatte ja den starken Verdacht, dass die Löschfirma mit dem Werbebrief die negativen Bewertungen vorher selbst abgegeben hat. Wir rufen dort an. Eine Dame legt dem Kfz-Meister noch mal nahe, die Dienstleistung zu nutzen.

Telefonistin: No risk, no fun. Sie können uns ausprobieren und haben keine Nachteile. Sie müssen ja nicht zahlen, wenn wir die Rezension nicht entfernen.

Tobias Deckert: Haben Sie die Bewertung vielleicht selber reingestellt und wollen jetzt dafür Geld haben, dass sie wieder gelöscht wird?

Telefonistin: Um Gottes willen, nein. Das wäre nicht legal. Wir wollen ja langjährige Kundenbindung, und das wäre dann schädlich.

Tobias Deckert: Rechtsanwalt Jan Meyer sagt, dass man solche Praktiken kaum nachweisen kann. Dennoch kennt er einen Fall, in dem eine Mandantin von so einer Löschfirma erpresst wurde.

Rechtsanwalt Jan Meyer: „Zahl die Rechnung, oder du kriegst mehr negative Bewertungen.“ Also man könnte durchaus sagen: moderne Schutzgelderpressung.

Tobias Deckert: Michael Dittmar ärgert sich über die Praktiken und will auf das dubiose Angebot nicht eingehen. Mit echten Bewertungen wolle er so oder so leben – auch wenn sie schlecht sind.

Michael Dittmar: Wir brauchen auch Kritik. Die, die sich nicht trauen, uns anzusprechen, schreiben es dann dahin – und wir gehen darauf ein. Dann ist es auch authentisch. Und wer es liest, sieht dann auch: Ja, da ist was vorgefallen, aber die gehen gut damit um.

Tobias Deckert: Eigentlich sollen die Google-Sterne Orientierung bieten, doch die Glaubwürdigkeit gerät immer mehr in Gefahr. Weiterhin gilt grundsätzlich: je mehr Bewertungen, desto glaubwürdiger. Oft lohnt es sich, Bewertungen wirklich durchzulesen, um ein Gefühl für die Echtheit zu bekommen. Denn manchmal sind auch in Fünf-Sterne-Bewertungen Botschaften versteckt.

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